Mailand–Sanremo ist für mich eines der seltsamsten Rennen im Radsport. Auf dem Papier passiert stundenlang fast nichts – und trotzdem schaut am Ende jeder gebannt zu.
Mit knapp 300 Kilometern ist es das längste Eintagesrennen des Jahres. Die Fahrer verbringen oft mehr als sechs Stunden im Sattel, bevor das Rennen überhaupt richtig beginnt. Wer erst die letzten 30 Kilometer einschaltet, verpasst meistens erstaunlich wenig – und gleichzeitig genau den entscheidenden Teil.
Die Spannung entsteht auf den letzten Anstiegen, der Cipressa und vor allem dem Poggio. Zu kurz für die besten Kletterer, zu schwer für viele Sprinter und gerade deshalb perfekt für Attacken. Hier versuchen die Favoriten, sich abzusetzen, während die Sprinterteams verzweifelt darum kämpfen, den Anschluss zu halten.
Genau das macht Mailand–Sanremo so faszinierend: Niemand weiß vorher, wie das Finale ausgeht. Mal gewinnt ein Sprinter aus einer kleinen Gruppe, mal setzt sich ein Einzelkämpfer auf den letzten Kilometern ab- die letzen Jahre dominiert Pogi. Das Rennen ist allerdings auch für ihn zu lang, zu kompliziert und zu offen, um es wirklich kontrollieren zu können.
Deshalb trägt Mailand–Sanremo auch den Spitznamen „La Classicissima“ – die Klassischste aller Klassiker. Es ist kein Rennen, das durch brutale Berge oder Kopfsteinpflaster beeindruckt. Es lebt von seiner Geschichte, seiner Länge und den nervenaufreibenden letzten Minuten, in denen sich nach fast 300 Kilometern plötzlich alles entscheidet.

